Diagnostik beim Mann

Für eine erfolgreiche Behandlung Ihres Kinderwunsches sind beide Partner notwendig, weswegen in unserem Zentrum die Ursachenforschung und Behandlung von Kinderlosigkeit stets gemeinsam erfolgt. Neben der üblichen gynäkologischen Abklärung und Therapie wie in vielen anderen Kinderwunschzentren bieten wir auch eine umfassende andrologische Diagnostik und Therapie aus einer Hand an. Die Andrologie kann auch als Männerheilkunde bezeichnet werden und ist die Lehre von den Fortpflanzungsfunktionen des Mannes und deren Störungen in allen Lebensphasen http://www.dgandrologie.de/. In Abhängigkeit von den auswärtigen Voruntersuchungen durch einen Andrologen, führen wir daher auch beim Mann im Rahmen der Abklärung und Behandlung Ihres Kinderwunsches eine Reihe von Untersuchungen durch. Welche der folgenden Untersuchungen wir bei Ihnen vornehmen, hängt natürlich von Ihren persönlichen Voraussetzungen und Voruntersuchungen ab.

Anamnese

Im Allgemeinen erheben wir die Anamnese beider Partner gemeinsam beim Erstgespräch. Zusätzlich zur allgemeinen Paaranamnese und speziellen gynäkologischen Anamnese erheben wir auch die spezielle andrologische Anamnese. Die spezielle andrologische Anamnese beinhaltet Fragen, welche sich auf einen Hodenhochstand und/oder einen Hodentumor sowie gegebenenfalls deren Therapie, das Vorhandensein von Krampfadern (Varikozele) oder auf Entzündungen der Hoden oder Nebenhoden beziehen. Zusätzlich erheben wir in der speziellen andrologischen Anamnese Informationen über Geschlechtskrankheiten, genitale Verletzungen oder Operationen, Erektions- und Ejakulationsstörungen sowie für Zeichen eines Mangels am männlichen Geschlechtshormon (Androgenmangel) und über die Libido. Ergänzt wird die spezielle andrologische Anamnese durch Fragen zu chronischen anderweitigen Entzündungen, Stoffwechselerkrankungen (z. B. Blutzuckerkrankheit, Hormonstörungen) sowie zu Lebensgewohnheiten (Alkohol-, Nikotin-, Drogen- oder Medikamentengebrauch, berufliche Giftstoffbelastung) und zur Sozialanamnese. Viele der oben genannten Fragen der Anamnese erheben wir im Rahmen eines umfangreichen Fragebogens und vertiefen ihre Antworten dann gegebenenfalls im Rahmen des Erstgesprächs.

Genitale und Ultraschall-Untersuchung

Bei Beeinträchtigungen der männlichen Fruchtbarkeit können die Tast- und Ultraschalluntersuchung des männlichen Genitaltraktes wichtige Informationen über die Lokalisation der Beeinträchtigung liefen. So denn nicht anderweitig bei einem auswärtigen Andrologen geschehen, führen wir gemäß internationaler Leitlinien eine weiterführende andrologische Basisdiagnostik mit genitaler Untersuchung inklusive Ultraschalluntersuchung bei allen unseren Patienten durch, welche Auffälligkeiten in der Anamnese oder Ejakulatanalyse haben. Zusätzlich erfolgt eine weiterführende andrologische Basisdiagnostik auch bei Paaren bei denen die Ursache des Kinderwunsches unklar bleibt oder bei Männern, bei denen trotz erfolgreicher Therapie von Beeinträchtigungen bei der Partnerin der Kinderwunsch weiterhin unerfüllt bleibt.

Beurteilt werden die Hoden hinsichtlich Ihrer Lokalisation, Größe und Konsistenz, sowie hinsichtlich Ihrer Helligkeit und Struktur in der Ultraschalluntersuchung um Beeinträchtigungen der Spermienbildung (z.B. durch einen aktuellen/früheren Hodenhochstand, Hodentumor oder genetische Ursachen) zu erkennen. Die Nebenhoden liegen den Hoden an und werden hinsichtlich ihrer Schmerzhaftigkeit (z. B. bei Entzündungen), ihrer Größe (Vergrößerungen z. B. bei Verschlüssen), dem Vorhandensein von Aufstauungen (Spermatozelen) und Struktur mittels Tastuntersuchung und Ultraschall untersucht. Beeinträchtigungen im Bereich der Nebenhoden werden dabei bei Beeinträchtigungen des Spermientransports als Ursache eines eingeschränkten Ergebnisses in der Ejakulatanalyse gefunden. Zusätzlich erfolgt eine Bewertung der Samenleiter und der Gefäße. Bei Hinweisen für Transportstörungen im Bereich der Prostata und Samenblasen erfolgen zudem eine Tast- und Ultraschalluntersuchung der Prostata und Samenblasen.

Blutentnahme zur Hormonanalyse

Die Spermienbildung steht unter hormoneller Kontrolle: Störungen im Hormonhaushalt können eine Ursache für eine zu geringe Spermienproduktion bei Ihnen sein. Gemäß internationalen Leitlinien ist daher eine Blutuntersuchung der Hormone beim Mann geboten bei Spermienzahlen unterhalb von 10 Mill/ml, bei einer sexuellen Fehlfunktion (z.B. Erektile Dysfunktion) und wenn andere Untersuchungsergebnisse auf eine Hormonstörung hindeuten. Eine solche Blutuntersuchung bei uns beinhaltet eine Untersuchung der Hormone der Hirnanhangsdrüse (FSH, LH, TSH und Prolaktin) sowie eine Bestimmung des männlichen Sexualhormones Testosteron inklusive seiner Abbauprodukte (Östradiol) und seines Transporteiweißes im Blut (SHBG). Da viele unserer männlichen Patienten oben genannte Einschränkungen aufweisen und wir im Allgemeinen die Partner unserer Patientinnen deutlich seltener sehen, hat es sich bewährt, überwiegend die Blutentnahme für die Hormonbestimmungen bereits beim Erstgespräch abzunehmen.

Untersuchungen des Samens (Ejakulatanalyse)

Neben der Erhebung der andrologischen Anamnese gehört die Durchführung einer Ejakulatanalyse gemäß internationalen Leitlinien/Empfehlungen zu den minimalen Anforderungen an eine andrologische Diagnostik. Für die Gewinnung der Samenprobe durch Masturbation sollte Ihr letzter Samenerguss (Karenzzeit) zwischen zwei bis sieben Tage zurückliegen. Falls Sie die Samenprobe zu Hause gewinnen wollen, sollten Sie die Samenprobe körperwarm innerhalb von 45 Minuten in unsere Praxis bringen. Dafür erhalten Sie ein dafür geeignetes Gefäß von uns. Ist dies nicht möglich, können Sie die Samenprobe aber auch bei uns in einem speziell dafür eingerichteten Raum gewinnen. Mit dem Eintreffen Ihrer Samenprobe in unserem Andrologielabor kommt Ihre Probe bis zur Verflüssigung zunächst in einen Brutschrank. Aufgrund der großen natürlichen Schwankungen der Ejakulatwerte sollten für eine solide Diagnostik immer zwei Ejakulatuntersuchungen im Mindestabstand von 3 Wochen zugrunde gelegt werden.

Die Analyse der Samenprobe erfolgt bei uns gemäß den aktuellen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO Laborhandbuch zur Untersuchung und Aufarbeitung des menschlichen Ejakulates; 2010) und der Bundesärztekammer. Zur Gewährleistung einer hohen Analysequalität unterliegen unsere Ejakulatanalysen dabei einer strikten internen und externen Qualitätskontrolle. Die externe Qualitätskontrolle erfolgt im Rahmen des QuaDeGA Programmes der Deutschen Gesellschaft für Andrologie an dem wir freiwillig schon seit 2007 und mit „Sehr Gut“ teilnehmen (Zertifikat externe Spermiogrammkontrolle).

Nach der Verflüssigung des Ejakulates werden zunächst das Aussehen, die Konsistenz, das Ejakulatvolumen und der pH-Wert des Ejakulates bestimmt. Anschließend erfolgt unter dem Mikroskop nach gründlicher Durchmischung des Ejakulates die Analyse der Spermienvitalität und Spermienbeweglichkeit (Motilität) wobei zwischen nach vorne beweglichen (WHO 2010 Normwert ≥ 32%), lokal beweglichen und unbeweglichen Spermien unterschieden wird. Aufgrund der großen Bedeutung der Spermienbeweglichkeit für die Antragstellung für Verfahren der assistierten Fortpflanzung erfolgt zudem in unserem Labor eine Unterscheidung in die schnell (WHO Motilität A) und langsam (WHO Motilität B) nach vorne beweglichen Spermien.

Nach der Analyse der Spermienbeweglichkeit erfolgt unter dem Mikroskop mit Hilfe einer genormten Zählkammer die Bestimmung der Spermienkonzentration (WHO 2010 Normwert ≥ 15 Mill/ml), der Spermiengesamtzahl (WHO 2010 Normwert ≥ 39 Mill) und des Aussehens der Spermien (Spermienmorphologie) mit der Bestimmung des Anteils der normal geformten Spermien (WHO 2010 Normwert ≥ 4%). Zusätzlich beurteilt werden bei uns das Vorhandensein von Verklebungen der Spermien miteinander (Agglutinationen) im Rahmen von Autoimmunerkrankungen, die Präsenz von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und von Zellen im Ejakulat die keine Spermien sind (Rundzellen) als Hinweise für eine Infektion Ihres Ejakulates. Sind keine Spermien im Ejakulat vorhanden spricht man von einer Azoospermie. Beeinträchtigungen der Spermienzahl heißen Oligozoospermie, Beeinträchtigungen der Beweglichkeit Asthenozoospermie und Beeinträchtigungen des Anteils der normalgeformten Spermien Teratozoospermie. Sind sowohl die Spermienzahl als auch die Beweglichkeit und der Anteils der normalgeformten Spermien vermindert, spricht man von einer Oligo-Astheno-Teratozoospermie (OAT-Syndrom).

Zirka 90% des Ejakulates stellen Sekrete dar, welche in den Nebenhoden, in den Samenblasen und der Prostata gebildet werden. Im Rahmen der Ejakulatanalyse setzen wir einige dieser Substanzen als Markersubstanzen für die Funktion der ableitenden Samenwege ein, um besser zwischen möglichen Transportstörungen der ableitenden Samenwege (z. B. bei Verschlüssen) und Beeinträchtigungen der Spermienbildung selber unterscheiden zu können. Zusätzlich zu den oben genannten Analysen bestimmen wir daher im Ejakulat die α-Glucosidase (Spermienbildung und Transport) als spezifischen Marker für die Funktion des Nebenhodens und die Fruktose (Spermienbildung und Transport) als Marker für die Funktion der Samenblasen.

Genetische Untersuchungen

Veränderungen in Genen welche für die Spermienbildung verantwortlich sind oder Abweichungen von der üblichen Anzahl oder Anordnung der Chromosomen können zu schweren Einschränkungen der männlichen Fruchtbarkeit führen, sind aber nur in Einzelfällen vorhanden (Genetische Beeinträchtigungen der Spermienbildung). Der Verdacht auf ein überzähliges Chromosom ergibt sich insbesondere, wenn weniger als eine Millionen Spermien pro ml im Ejakulat und eine deutliche Verminderung des männlichen Sexualhormones und des Hodenvolumens nachweisbar sind (z.B. beim Klinefelter Syndrom). Des Weiteren sollte eine Analyse der Chromosomen auch beim Mann bei wiederholten Fehlgeburten der Partnerin erfolgen. Eine routinemäßige Bestimmung des Chromosomensatzes oder von speziellen Genen vor Maßnahmen der assistierten Reproduktion erfolgt bei uns nicht, ist jedoch auf Wunsch jederzeit möglich.

Bei Männern mit schweren Einschränkungen der Spermienkonzentration kleiner 3 Millionen pro ml Ejakulat (Schwere Oligoasthenozoospermie) oder gar keinen Spermien im Ejakulat (Azoospermie) steigt der Anteil von Männern mit genetischen Veränderungen im Bereich der AZoospermieFaktor -Region (AZF-Region) des männlichen Chromosoms (Y-Chromosom) von 3 % auf 12% an. Soweit nicht anderweitig geschehen, führen wir daher bei allen Männern mit einem Verdacht auf eine Beeinträchtigung der Spermienproduktion und einer Spermienkonzentration kleiner 3 Millionen pro ml Ejakulat eine genetische Analyse der AZF-Region durch.

Veränderungen im Genbezirk für die Zystische Fibrose (CFTR-Gen) können neben einer schweren allgemeinen Erkrankung namens Mukoviszidose bei minderschweren genetischen Veränderungen zu einem einseitigen oder beidseitigen Fehlen der Anlage von Anteilen der Nebenhoden und/oder der Samenblasen und/oder der Samenleiter führen (Kongenitale beidseitige Aplasie der Samenleiter: CBAVD). Aufgrund der fehlenden Anlage von Teilen der ableitenden Samenwege weisen nahezu alle diese Männer neben dem Fehlen von Spermien im Ejakulat (Azoospermie) ein reduziertes Ejakulatvolumen, einen verminderten pH des Ejakulates und eine verminderte Konzentration der Fruktose im Ejakulat auf. Wir führen daher bei allen diesen Männern und bei Männern bei denen eine Veränderung des CFTR-Genes der Partnerin bekannt ist, eine genetische Analyse der CFTR-Region durch.

Alle genetischen Blutuntersuchungen erfolgen in Kooperation mit unseren humangenetischen Partnern in Recklinghausen (Frau Prof. Dr. med. Gödde), so dass, falls gewünscht, neben den umfangreichen genetischen Analyse gegebenenfalls auch eine zeitnahe, weitergehende humangenetische Beratung durch eine Humangenetikerin möglich ist.

Gewebeentnahme aus dem Hoden (Hodenbiopsie, TESE)

Ob eine Spermienbildung im Hoden stattfindet oder nicht, ist in wenigen Fällen trotz Spermiogrammanalyse, Bestimmung der Markersubstanzen für die ableitenden Samenwege, genitaler Untersuchung und Hormonbestimmungen nur mittels einer operativen, diagnostischen Hodenbiopsie und anschließenden feingeweblichen Untersuchung unter dem Mikroskop (Hodenhistologie) definitiv zu klären. Bei Männern mit keinen (Azoospermie) oder nur unbeweglichen Spermien im Ejakulat aufgrund einer schweren Beeinträchtigung der Spermienproduktion als auch bei Männern mit einem kompletten Verschluss der ableitenden Samenwege wird dabei neben der feingeweblichen Untersuchung auch eine Gewinnung von Hodengewebe und Gefrierkonservierung von Hodengewebe veranlasst. Falls im Hoden in der Hodenhistologie eine Spermienbildung nachgewiesen wird, können später Spermien aus dem Hoden gewonnen werden, (TEstikuläre Spermien Extraktion: TESE) und im Rahmen einer Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) Verwendung finden.

Neben der oben genannten diagnostischen und therapeutischen Hodenbiopsie veranlassen wir in Einzelfällen beim Verdacht auf bösartige Vorstufen (Carcinoma in Situ: CIS) oder beim Verdacht auf das Bestehen eines Hodentumors auch rein diagnostische Hodenbiopsien zum Ausschluss einer bösartigen Entartung der Hoden.